Ein Zeltwochenende im Altmühltal


Manchmal muss man spontan sein!
Für die nächsten Tage ist trockenes Sommerwetter angekündigt. Nach all den Einschränkungen und Enttäuschungen der letzten Wochen überfällt mich die Lust, endlich wieder etwas spontanes zu unternehmen. Ich nehme mir eine Landkarte und ziehe mit einem Zirkel eine maximal-2-Stunden-Anfahrt-Linie. Recht schnell entscheide ich mich für das Altmühltal. Bei der angekündigten Hitze kann die Nähe zu Wasser nicht verkehrt sein. Aber wo übernachten? Auf die Schnelle eine Gaststätte oder Pension zu finden ist beinahe aussichtslos. Auf Wanderparkplätzen im Auto zu übernachten ist eine Option, aber dort ist ziemlich viel Naturschutzgebiet. Liegt da nicht noch ein Zelt im Keller? Ich grabe es unter Koffern, Rucksäcken und Seesäcken aus. Innerhalb von 6 Minuten ist es auf der Terrasse probeweise aufgebaut. Es ist das beste Zelt der Welt! Ich darf es niemals ausleihen! Die ganze Ausrüstung ist selbst nach so langer Zeit unbeschädigt und komplett. Damit ist es beschlossen! Doch halt! Zuerst muss ich noch einen Gaskocher besorgen, damit ich übers Wochenende nicht unterkoffee. Mehrere Zeltplätze im Altmühltal und am Altmühlsee ersticken in einer Flut von Anfragen und können mir so kurzfristig nicht antworten. Doch bei einem habe ich Glück und darf ohne Reservierung kommen. Na gut, dann fahre ich halt zu den Pappenheimern. Innerhalb kurzer Zeit stopfe ich Zelt, Isomatte, Schlafsack und eine ameisensichere Kiste Fresszeug ins Auto und fahre los.

Kurz vor dem Abzweig ins Altmühltal gibt es eine Baustelle. Das Navi führt mich über eine andere Straße nach Pappenheim und von dort immer weiter, am Bahnhof vorbei, aus dem Ort wieder hinaus, eine steile Passstraße hoch – das kann doch schon alles nicht mehr stimmen – weiter durch ein kleines Dorf. Schließlich hört die Straße auf und ein Feldweg beginnt. Ich sehe schon die Schlagzeile: „Autofahrerin stoisch dem Navi in die Versenkung gefolgt“. Beim Schild „Achtung Sprengungen“ bin ich endgültig davon überzeugt, dass mein Verstand mehr taugt als die unhinterfragte Technik.

Die Zeltwiese beim Campingplatz Pappenheim liegt auf einer Insel zwischen der Altmühl und einer Ableitung. Der Campingplatz ist einfach aber zweckmäßig eingerichtet und sauber. Es ist ruhig und gemütlich dort. Die Bahnlinie ist weit weg im Gegensatz zu Treuchtlingen und Solnhofen, wo der Güterbahnverkehr Tag und Nacht direkt am Campingplatz vorbei fährt. Das Wasser der Altmühl lädt hier nicht unbedingt zum Baden ein, aber zum Bootfahren! Wo finde ich einen Bootsverleih?

Pappenheim wird überragt von einer riesigen Burg. Der Ort wirkt ein wenig verschlafen. Ich werde nicht so recht schlau daraus. Vorne aufwändig gepflasterte, schön gestaltete Straßen und daneben ziemlich verwarloste Gassen. Hier gepflegte Fachwerkhäuser und daneben unbewohnt wirkende Häuser, dem Zerfall ausgesetzt. Geschäfte sehen geschlossen aus, Hotels und Gaststätten, die nicht erst seit Corona leer zu stehen scheinen. Als ob der Ort die Beste Zeit hinter sich hätte. Mir scheint, Pappenheim könnte ein Schmuckstück sein aber es fehlt ein Gesamtkonzept. Kein ungeschliffener Diamant, eher ein verstaubter, angeschlagener Edelstein.
In der Nähe des bekannten Freibads finde ich einen kleinen Biergarten der ein unerwartet schönes Angebot an vegetarischen und veganen Gerichten zu günstigen Preisen hat. Der Wein schmeckt und wirkt. Die Erdbeer-Buttermilch-Torte sieht lecker aus. Ich muss morgen unbedingt noch mal herkommen.

Die 23 Km des Altmühltal – Höhenwanderweg von Pappenheim nach Dollstein verlaufen recht abwechslungsreich. Bei diesen Temperaturen ist es angenehm im schattigen Wald zu laufen. Doch auch die Getreidefelder, in denen gerade der rote Mohn blüht, und die naturbelassenen bunten Wiesen gönnen dem Auge viel Schönheit. Von der Altmühl selbst ist nicht ganz so viel zu sehen. Der Wanderweg verläuft zumeist weit oberhalb und gibt nur hin und wieder einen Blick auf das Bächlein und die steil abfallenden Felsen frei. Zweimal wird der Fluß gequert und weiter geht es mit einem stetigen bergauf und bergab. 7 Stunden inklusive Pausen dauert der Hinweg, 10 Minuten die Rückfahrt mit dem Zug.

Schön, dass es Menschen gibt, denen man nicht gleichgültig ist, obwohl man sie nicht kennt. Eine junge Frau bietet mir am Bahnhof eine Flasche Wasser an, als sie erkennt, dass ich durch die lange Wanderung bei der Hitze ziemlich derangiert bin. Sie ist heute mein Engel. Solche Begegnungen gehören im Herzen eingerahmt.

Die Frösche quaken in der Nacht ohrenbetäubend und als sie endlich fertig sind, fangen die Vögel mit ihrem Konzert an. Kaum ist es dunkel, ist die Nacht auch schon wieder vorbei. Um 4:54 ist es schon wieder hell. Am meisten freue ich mich über meinen neuen Gaskocher, mit dem ich mir frisch duftenden Kaffee aufbrühe. Ein Entenpärchen kommt zu Besuch und bettelt mir mein ganzes Brot ab. Was soll’s, es ist genug für alle da. Erst als eine Herde von 15 Graugänsen meinen Frühstücksplatz umstellt, wird es ein bisschen knapp.

In Solnhofen finde ich einen Bootsverleiher, der ein klitzekleines Kajak für mich hat. Das Einsteigen ist gar nicht so einfach. Ein paar Paddelschläge zum Üben und schon kanns los gehen. Viel muss ich nicht machen, die Altmühl trägt mich durch ihr Bett. Still, begleitet von ein paar Enten, treibe ich dahin und genieße die Geruhsamkeit. In der Entfernung ist Donner zu hören und als es zu regnen beginnt, suche ich Schutz unter einer großen Ulme. Viele Möglichkeit an Land zu gehen gibt es nicht. Genau genommen sehe ich gar keine Landestellen, abgesehen von den beiden Umtragestellen. Der Fluß hat sich in sein Bett gegraben. Es ist nur ein kurzer Schauer, dann geht es weiter auf dem Fluss. Ich treffe kaum ein anderes Boot. An den Ausstiegsstellen wird es knifflig. Es geht halt nichts über eine helfende Hand vom Ufer aus. Ein paar Meter Kajak schleppen, während ein paar Kanadier am Wehr kentern, und schon kann es weitergehen. Nach 4 Stunden kommt der Kirchturm von Dollnstein und somit das Ende der Bootsfahrt in Sicht. Schön, wenn die Eisdiele genau dann kommt, wenn man sich gerade eine gewünscht hatte. Zurück geht es mit dem selben Zug wie gestern, diesmal in 7 Minuten.

Manchmal muss man spontan sein, und flexibel, damit man nicht den Glauben an sich selbst verliert. Manchmal muss man mutig sein, um sich selbst wieder neu einschätzen zu können. Man kann mehr als man glaubt und es tut gut es einfach mal wieder auszuprobieren. Nur alleine kann man sich selbst kennenlernen. Man muss sich nicht verstellen. Man kann Hippie sein oder Spießer, man kann Entscheidungen treffen, ohne sie erklären zu müssen. Man trägt selbst die Verantwortung für sein Tun und kann die Schuld nicht anderen zuweisen. Man kann über sich selbst lachen und sich selbst verzeihen. Wie schön!

Packliste für ein spontanes Zelt-Wochenende im Altmühltal:

  • Übernachten:
    Zelt mit Stangen und Heringen
    Kleiner Hammer
    Isomatte (Thermarest, am besten 2)
    Alte Decke für untendrinn oder zum Umwickeln der Isomatten
    Schlafsack
    Nackenrolle/Kopfkissen
    Taschenlampe/Stirnlampe
    Wäscheleine, Wäscheklammern
    Gaslampe mit Kartusche
  • Küche:
    Ameisensichere Fresskiste
    Gaskocher mit Kartusche
    Feuerzeug
    Kochtopf
    Kaffeemaschine (Bialetti)
    Flaschenöffner
    Teller, Tasse, Besteck,
    Scharfes Messer
    Geschirrtuch, Spülmittel, Spüllappen
    Mülltüten
  • Lebensmittel:
    Kaffee
    Milch
    Müsli
    Nüsse
    Äpfel
    Kekse
    Brotcracker
    Gemüseaufstrich
    Marmelade
    Konserven falls man kochen will
    Getränke
    Trockenfrüchte
    Knabberzeug
  • Sonstiges:
    Kleidung
    Badesachen
    Waschsachen
    Handtuch
    Schlappen fürs Bad
    Sonnencreme
    Rucksack
    Tasche für abends