Im Takt der Beduinen – Kameltrekking

Erlebnisreisen Tunesien
Kameltrekking in Tunesien

Ein Erlebnisbericht unseres Reisegastes Hans im Februar 2018 über ein Kameltrekking in der Sahara

Ein unvollständiger Bericht, da es den Rahmen sprengen würde, bei der erlebten Vielfalt alles zu erzählen.

Wüste? Voll cool! Im Sinne des übersetzten Wortes. Aber dazu später.

Wie kommt man darauf, in die Wüste zu gehen? Angefangen hat es vor zwei Jahren mit dem Wadi Rum in Jordanien. Den Ausschlag hat aber ein bis dahin ungelesenes Buch im Regal gegeben: „Zu zweit gegen die Sahara“. Ein Europäer, der die Sahara in ihrer Breite von 7000 Km mit dem Kamel durchqueren will. Davor trifft er eine Frau, die ihn fragt, ob er sie mitnimmt. Zumindest für mich ein ungeheuer fesselndes Buch. Na ja, und dann schaust Du halt, ob’s das auch im Kleinformat gibt. Also, ein paar Kilometer weniger und in kürzerer Zeit. Und das gibt’s. Bei Erlebnisreisen-weltweit.de, also Frau Sigl. Und 5 Tage Erlebnis sollten einen guten Eindruck verschaffen. Also angemeldet und ein wenig gelesen und überlesen und das eine oder andere Utensil gekauft. Zum Beispiel einen Schlafsack. Und dann irgendwann gepackt und noch mal gelesen. Und da stand dann, man möge doch bitte die Wanderschuhe anziehen und den Schlafsack ins Handgepäck nehmen, weil die Sachen manchmal nicht rechtzeitig ins „Zielgebiet“ geliefert würden. – Aha. – Hört sich etwas militärisch an. Wir werden sehen.

Also umgepackt und vom Tagesrucksack erst mal die Regenhülle entfernt. Was soll die auch in der Wüste? Wanderstiefel an und es kann losgehen.

In Frankfurt dann erst mal umsehen: Wanderstiefel an und Rucksack auf? Oh, der Griesgram zum Beispiel. Das kann ja heiter werden! Oder das junge Paar, das verstehend herüberlächelt? Die Kleine mit der Thermosflasche am Rucksack? Und schon spricht mich eine Dame an, ob ich auch in die Wüste ginge. Und dann scannen wir gemeinsam. Kann die Gruppe echt so groß werden, wie da Rucksäcke mit Wanderstiefeln unterwegs sind? – Jetzt geht’s erst mal in den Flieger.

Mohammad nimmt uns am Flughafen in Empfang, bringt uns zum Geldwechseln und dann ins Hotel. Und schon im Bus haben wir den Spaß miteinander, der uns die ganze Reise über begleiten wird.

Weniger Spaß haben einige in ihren Zimmern. Bei der Ausrüstungsliste stand was von Insektenschutzmitteln. Hatte ich geflissentlich überlesen. Wie einiges andere. War bei mir aber auch weniger tragisch als bei denen, die sich das Zimmer mit fliegenden Plage- und Stechgeistern teilen durften.

So, der Morgen fängt früh an. Um 6 Uhr. Für manche. Nämlich für die, die sich selbst wecken. Die anderen lässt die tunesische Mentalität fast ne Stunde länger schlafen. Weil, zum Wecken per Telefon muss der Mitarbeiter in die Liste schauen und dann anrufen. Wenn das keiner tut, dauert der ungestörte Schlaf der Gäste eben etwas länger. Und das Frühstück kürzer.

Zuerst geht’s mit der Fähre auf’s Festland und nach Matmata. Das Bezahlhäuschen für die Fähre ist cool. Da kommt ne Hand durch ein altertümliches Gitter. Matmata muss man nicht kennen. Außer man ist Star Wars-Fan. Dann weiß man, dass dort Szenen mit den Höhlenwohnungen gedreht wurden. Bitte nicht mich fragen, was genau. Ich gehöre noch zur Generation „Raumschiff Orion“. Eine solche Wohnung schauen wir uns an. Die Arbeit, die darin steckt, die Räume aus dem Fels zu schlagen, ist mit der in Petra vergleichbar. Nur mit dem Unterschied, dass in Matmata noch gewohnt wird.

In Douz wechseln wir vom Kleinbus in zwei Toyotas, die sichtlich geländegängiger sind. Gut so, denn das mit Straßen und so hat bald ein Ende. Es geht querfeldein über verschiedene Untergründe und je sandiger die sind, desto größere Freude spricht aus M.s Gesicht. Im Gegensatz zu G., für die wir einen Aufregungsstopp einlegen.
Was bemerkenswert ist, ist die blaue Färbung. Nicht von G., aber von „der Gegend“. Die kommt nicht von ungefähr, sondern von dem Regen, der in diesem Jahr besonders eifrig den Boden bewässert. Seit Jahren hat es hier nicht so viel geregnet. Gut für den Boden und die Landwirtschaft.

Kurz nachdem wir eine Minikarawane passiert haben, ist die Fahrt zu Ende. Kamele, Kamelführer, Decken und Zelte warten auf uns. Die Zelte warten vor allem auf A., der sagt, wo’s langgeht und so dafür sorgt, dass sie sicher stehen und innen trocken bleiben.

Der Tafelberg bei unserem Lager heißt „Tembain“. Und bevor das Trecking richtig losgeht, gehen erst mal nur die Touris los. Mit Memmet auf den Tembain. Nicht nur mit Memmet, sondern auch mit Fleece und sonstigen warmen Klamotten. Die Sache mit der Heizung hat die Sonne noch nicht so drauf. Hell ja, aber 17° sind nicht gerade warm? Na ja. Auf modern heißt das: Da ist noch Luft nach oben. Ist ok so, wir sind ja auch auf dem Weg nach oben. Und haben eine tolle Aussicht.

Wieder unten ist’s dann soweit. Wir setzen uns in Bewegung. Wir, 9 Touris, Memmet, der Guide, die Kamelführer Said (an der Spitze), Achmed, Masroud, Belgasim (der gemütliche) und Esdin (der mit dem weißen Rennkamel) und 14 Kamele. Neben dem Koffer- und dem Küchenkamel gibt es noch Kamele für die Zelte, die Matratzen, die Decken und die Ausrüstung der Kamelführer und natürlich das lastenfreie Rennkamel. Also alle Touris auf einmal können nicht reiten. Aber das wollen wir auch gar nicht. Wir grooven uns so langsam in den Karawanentakt ein.

Die Kamele sind übrigens Dromedare und haben nur einen Höcker. Die mit den beiden Höckern sind die Trampeltiere. Die ersteren gibt’s in Afrika, die anderen in Asien. Also beide in der „alten Welt“. Lamas und Alpakas zum Beispiel sind Kamele der „neuen Welt“. Ja, ja, reisen bildet. Und alle unsere braven Lastenträger sind männlich. Wie im richtigen Leben. Gelle? – Da Brunftzeit ist, wäre das nicht so gut, mit einer gemischten Gruppe unterwegs zu sein. Trotzdem wollen die Männer imponieren und fangen immer wieder an, mit ihren Zungen Geräusche zu machen, die sich für mich anhören, als sei der Abfluss im Bad endlich wieder frei. Dabei hängt die Zunge auf der Seite raus und wird aufgeblasen. – Das ist wohl auch der Grund, warum wir auf Kamelmilch verzichten müssen. Kommt halt bei den Männern nicht raus.

Zur Mittagsrast spielt sich dann bald ein tägliches Ritual ein: Ausschwärmen und Feuerholz holen und die Küche aufbauen. Dann ein Feuer „in der Küche“ und eines am „Brotherd“. Es ist ja faszinierend, wie gut ein Brot schmecken kann, das nur aus Mehl, Salz und Wasser besteht: Sand glatt streichen, großes Feuer machen. Teig kneten und Sandhügel formen. Handtuch auf den Sandhügel und Teig auf’s Handtuch. Großen Fladen formen (ca. 40cm Durchmesser), Sand und Asche von der geglätteten Fläche schieben, Teigfladen drauf und heiße Asche auf den Fladen. Nach gefühlter Beduinenzeit den Fladen wenden, später dann entsanden und ein wenig Schwarzes abkratzen. Und dann hast Du ein wunderbares Brot!

In der Zwischenzeit ist Memmet „in der Küche“ zugange. Über das, was ein Mensch, der in einem 4-Sterne-Restaurant gekocht hat, in der Wüste zubereitet, kann man nur staunen. In der Regel ein 2-Gänge-Menü. Zählt man das Nachtischobst dazu, waren es 3 Gänge. Und jeweils frisch zubereitet. Auch verwöhnte Gaumen waren entzückt.

Was passiert nach dem Essen? Du kannst das Geschirr in die Spüle stellen und hoffen, dass sich jemand drum kümmert. Vielleicht ist das zu Hause so. Bei mir nicht. Ich muss mich selbst kümmern. Man kann das Geschirr aber auch gleich abspülen. Nur fehlt da in der Wüste das fließend warme Wasser. Aber auch dafür gibt’s ne Lösung: Sand. Is ja genug von da. Und ähnlich fein wie Wasser ist er auch. Nach 5 Schritten hast Du auch genug unbenutzten und kannst loslegen. Prima Sache: Wirst nicht nass dabei und das Abtrocknen ist auch gespart.

Bei den Hinweisen zur Ausrüstung stand auch geschrieben, man möge möglichst keine Schuhe mitnehmen, die älter als 5 Jahre sind, weil sich da schon mal der Kleber für die Sohle löst. Ja hallo, hab ich Qualität oder Mist gekauft? Die Schuhe haben sich beim Boßeln vor kurzem doch noch einwandfrei verhalten. Aber wenn sich das Fußanheben aus dem Sand irgendwann anders anfühlt, schaust Du doch schon mal genauer hin und siehst, dass Dein Schuh bei jedem Schritt den Mund mit Sand füllt und wieder ausspuckt. Und Du fragst Dich, wie lange er das wohl mitmacht. Denn der Hunger wird immer größer und das Maul steht immer weiter offen. – Gut, dass es die Kamele gibt, denk ich mir und melde mich zum Reiten an. Das klappt auch ganz gut. Nur nicht so lange. Einfach weil es Stellen gibt, an denen das Reiten nicht angeraten ist. Aber Glück gehabt: Die abgelöste Sohle finde ich erst abends irgendwo im Lager und freue mich, dass ich noch meine Keens dabei habe, wasserfeste Sandalen. Klar, da kommt dann von überall Sand rein und Du hast eine ständig wechselnde Fußreflexzonenmassage. Aber der Sand geht auch wieder raus. Der Haken: Sie sind nicht so doll warm.

Denn das mit dem Wetter hatten wir uns alle anders vorgestellt. Schließlich geht man ja in die Wüste. Kennt man doch: Blauer Himmel, überall Sand und Hitze. Aber Einstein hat ja schon rausgefunden, dass alles relativ ist. Wüste ist eigentlich wie „normale Gegend“. Nur mit Sand drüber ausgeleert. Da hast Du flache steinige Abschnitte mit hier und da einem Sandhaufen. Oder die Sandhaufen sind dichter beieinander und manchmal eben auch hoch und kleine Berge. Ich hatte mich beim Lesen von „Zu zweit gegen die Sahara“ schon gewundert, wenn da von Holz sammeln für’s Feuer die Rede war. Hallo, überall Sand, wo soll denn da Holz herkommen? Sicher gibt es das auch, sandige Zonen ohne Gewächse. Aber wir sahen sehr viele Gewächse, die halt irgendwann auch absterben und was übrig bleibt, taugt wunderbar zum Feuer machen.

Eines der Vorurteile über die Wüste wird gleich am ersten Tag bestätigt: Ein Sternenhimmel, dass einem vor Staunen der Mund offen bleiben könnte, wenn da nicht die Nachtkühle (ca. 0°) drin Einzug halten würde. 4 Mutige schlafen gleich draußen, die anderen driften langsam vom Hotel- in den Zeltmodus. Und die wichtigste Botschaft am ersten Abend: Frühstück um 8 Uhr. Yipiii, das ist ja wie zuhause!

Aber ich wollte ja was zum Wetter sagen. Als wir mit den Allrads in die Wüste fuhren, ging schon ein ziemlicher Wind. Anderntags dann auch. Aber Memmet beruhigte uns: „Die Nomaden sagen: Nach drei Tagen wird der Wind müde“. Prima, nur, der Wind weiß das noch nicht. Und so hatten wir den Wind fast als Dauerbegleiter. Am dritten Wüstentag dann mit Wolken und so heftig, dass die empfohlene Sturm-/Skibrille zum Einsatz kam. Und wenn schon Wetter, dann richtig. Ich hätte nämlich den Regenschutz für meinen Rucksack doch besser mitgenommen. Wer denkt denn, dass wir in einer Zeit in der Wüste sind, in der es so viel regnet, wie seit mindestens 20 Jahren nicht mehr? Aber wir hatten Glück und konnten die Zelte in einer Trockenphase aufbauen. Um 21:15 gingen die meisten dann schlafen. Und wer noch die Frühstückszeit in Erinnerung hat, kann sich denken, dass es eine lange Nacht wurde. In der fast alle durchgeschlafen haben. Du hast keine Sorgen, kein I-Net und kannst einfach nur Du sein. Das entspannt. Allerdings auch die Gaumensegel und U. hat dann doch zum Oropax gegriffen. Gute Idee, denn beim Rausnehmen am anderen Morgen kam auch noch genügend Sand mit und das Hören klappte wieder vorzüglich.

Das Feuer am Abend wird gerade so groß gemacht, dass es wärmt. Aber nicht so groß, dass es sehr hell macht. Denn daran hätten Wüstenbewohner ihre Freude, auf deren Bekanntschaft wir lieber verzichten. Und so haben wir nicht ein einziges mal Kontakt mit Schlangen oder Skorpionen. Wir sehen zwar tagsüber Spuren im Sand von Wüstenmäusen, Wüstenfuchs und was weiß ich noch. Aber unsere Kamele sind die einzigen Tiere, die wir zu Gesicht bekommen.

Was treibt man abends in der Wüste? Handy und Co sind funktionslos, zum Kartenspielen ist’s zu dunkel und es wären nicht alle beteiligt, aber singen geht immer. Vor allem ein Geburtstagsständchen für E., für die sogar aus den Küchenkörben noch eine Torte gezaubert wird. Und dann holt Said die Rahmentrommel und die Flöte und es geht los. Zugegeben, von den Texten verstehen wir nicht so richtig was. Wir dürfen aber beim Sprechgesang nach ein paar arabischen Worten immer „ha ha hümm“ skandieren. Das hört sich an wie eine Aufzählung und die Touris bekräftigen immer mit „das kaufen wir“. Keine Ahnung, für was wir da alles unsere Zustimmung geben. Aber Memmet gibt Entwarnung. Es geht einfach um das Ziehen am Tau für den Eimer, der tief unten im Brunnen ist und mit vereinten Kräften nach oben muss.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Klo, die mir vorher etwas Sorgen bereitet hatte. Ist aber alles ganz easy. Man muss sich nur vorstellen, dass hinter jeder Düne ein Toi-Toi steht, und schon hat man die große Auswahl: Lieber Düne 5 oder lieber die 17? Halt so, dass der nächste nicht gerade in die Hinterlassenschaft tritt. Und das eingefärbte Papier am besten mit einem Stein abdecken, damit’s der nächste Sandsturm nicht wegweht. Wir im Süden haben ja schon ab und zu mal Saharastaub auf dem Auto. Da wäre es jetzt nicht so prickelnd, wenn da auch benutztes Papier herüber geweht würde.

Und kaum haben wir uns daran gewöhnt, dass man außer dem eigenen Tinnitus so gut wie nichts anderes hört, dass die Abende ganz großes Kino bieten, da naht auch schon das Ende und ich gönne mir die letzte Nacht im Freien. Es ist wunderschön und genauso, wie ich’s gedacht hatte: Hätte ich schon früher machen sollen. War nicht in allen Nächten so kalt, dass Reif auf den Utensilien war.

Anderntags erreichen wir die Oase Ksar Ghilane und damit Zivilisation. Sofern man die vielen Quads, mit denen Menschen durch die Wüste düsen, als solches bezeichnen kann. Die Tour hat meine Sicht doch etwas geändert. Hätte ich mir davor auch vorstellen können, mal so richtig durch den Sand zu sauen, finde ich es jetzt schade, wenn Wüste so traktiert wird.

Nach der letzten Nacht, diesmal wieder im Hotel, gibt uns Mohammad noch ein paar Eindrücke mit. Nach der neuesten Gesetzgebung erben Söhne und Töchter gleich viel. Das war früher anders. Söhne erhielten den größeren Teil. Töchter wurden mit Grundstücken abgespeist, die am Meer lagen. Wo immer Wind ist, wo der Boden nicht gut ist. Dafür stehen heute auf den Grundstücken der Töchter die Touristenburgen und die Töchter haben Geld in Hülle und Fülle. Ist das ausgleichende Gerechtigkeit? Und bei einer Wahl muss die Quote von 30% Frauen erfüllt sein. Ansonsten wird eben noch mal gewählt. Schön, dass es fortschrittliche Länder gibt.

Übrigens, meine Fliegerei zu kompensieren hat mich bei atmosfair.de gerade mal EUR 22 gekostet. Ein Klacks in Bezug auf den Reisepreis.

Eine der beeindruckendsten Reisen für mich. Das Gerippe auf der ersten Seite ist nicht das Synonym für die Wüste. Ich habe sie als sehr vielfältig und schön erlebt. Ich danke meinen Mitreisenden, den Kamelführern und Memmet. Eine Reise, die mein Herz berührt hat. Mit Tieren und Menschen, Wind und Sonne, Kälte und Sternen.

Hans,  Februar 2018

Kameltrekking in der Sahara.