
280 Kilometer und 11.000 Höhenmeter zu Fuß durch die Cevennen.
Samstag 06.06.26 Zürich
So beginnt meine Reise also auf der Flaniermeile am Zürichsee an einem sommerlichen Samstagabend im Juni. Auf der Zunge eine einigermaßen erschwingliche und sehr leckere Kugel Dubaischokoladeneis, vor den Augen Menschen. Viele Menschen. Sehr viele Menschen. In allen Farben, in allen Sprachen. Die Restaurants und Bars sind voller Menschen, die Straßen angereichert mit Luxusautos. Porsche, Ferrari, Maserati. Da sehen die BMWs und Mercedes richtig herzig daneben aus.
Irgendwann im Frühling hatte ich einen Film gesehen. Er handelte von einer verliebten Geliebten, die ihren Schwarm auf einer Wanderung durch die französische Landschaft verfolgte. Der Ausgang des Films war vorhersehbar aber die Landschaftsaufnahmen hatten mich so gepackt, dass ich anfing zu recherchieren, wo dieser Film gedreht worden war. Es stellte sich heraus, dass es diesen Fernwanderweg unter dem Namen GR70 oder als legendären Stevensonweg tatsächlich gibt. Von da an war ich wie besessen davon, die Wanderung zu laufen.
Die Organisation stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da die Gegend nur dünn besiedelt ist und es in manchen Ortschaften nur wenige Unterkünfte gibt, die oft schon sehr früh im Jahr ausgebucht sind. Zudem hatten die wenigsten Unterkünfte überhaupt eine Internetseite und waren nur telefonisch zu erreichen. Da meine Französischkenntnisse dafür nicht ausreichen, recherchierte ich nach Veranstaltern, und fand eine kleine französische Agentur, die mir die Unterkünfte durchbuchte und dazu auch gleich noch den Gepäcktransport von Unterkunft zu Unterkunft.
Die Anreise zum Startpunkt in Le-Puy-en-Velay ist von meinem Wohnort an einem Tag mit dem Zug kaum zu erreichen, so dass ich eine Zwischenübernachtung in Zürich einplante. Das ist der Grund, warum ich an meinem ersten Reisetag mit einer Eiskugel an der Promenade des Zürichsees im Sonnenuntergang sitze, Menschen beobachte und mich auf die Erlebnisse freue, die mir in den nächsten zwei Wochen bevorstehen.

Sonntag, 07.06.26 Zürich – Le-Puy-en-Velay
Die 10-stündige Zugfahrt von Zürich nach Le-Puy-en-Velay entpuppt sich als ausgesprochen kurzweilig. Was bin ich froh, mich für die Anreise mit der Bahn entschieden zu haben. Alle Züge sind auf die Minute pünktlich. Der Bahnhof in Zürich ist riesig. Ich brauche eine Viertelstunde bis ich meinen Bahnsteig nach Genf gefunden habe. Interessanterweise steigen nur Frauen in das Abteil ein. Entsprechend laut ist es im Zug. In Bern wird es plötzlich still. Alle Fahrgästinnen sind ausgestiegen. Der ganze Wagon gehört mir für die nächsten 2 Stunden alleine. Ich mache es mir gemütlich und lasse die Schweiz an mir vorbeiziehen. Die Landschaft wird von Etappe zu Etappe schöner bis die Fahrt zum Schluss am Genfer See entlang geht. In Genf muss ich durch den Zoll, dann geht es weiter in einem leeren Zug an der Rhone entlang bis Lyon. Der Bahnhof hier ist etwas eigenartig, da er erst 20 Minuten vor der Abfahrt verrät, ab welchem Gleis man fahren darf. Mit dem TGV geht es 40 Minuten bis St.-Etienne-de-Chateaucreux. Die 10 Minuten Zeit zum Umsteigen reichen dicke, auch wenn sich ab hier jede Menge Wanderer drängeln. Ich befürchte schon, die wollen alle mit mir auf den Stevensonweg. Aber mein netter Sitznachbar Paul klärt mich auf, dass ich wohl die einzige für diese Strecke bin, alle anderen laufen den Jakobsweg nach Santiago. Die letzten eineinhalb Stunden setzen landschaftlich nochmal eins drauf. Das Gleis verläuft komplett durch das Loiretal. Ich mag die hübschen Steinbrücken und die kleinen Dörfer zwischen den grünen Hügeln und immer an unserer Seite die Loire, die hier noch sehr schlank ist. Da bekommt man richtig Lust, hier Urlaub zu machen.



Montag, 08.06.2026 Le-Puy-en-Velay – Le-Monastier-sur-Gazeille
Direkt im historischen Herzen des charmanten Städtchens Le-Puy-en-Velay beginnt der Stevensonweg – auch bekannt als GR 70 – der über 270 Kilometer bis in die Cevennen führt. Ich starte um 8:00 Uhr und treffe gleich an der ersten Ampel auf Christine – eine Mitstreiterin. Schon bald gesellen sich zahlreiche andere Wanderer hinzu. Mangels Sprachkenntnissen auf beiden Seiten ist eine Unterhaltung leider sehr mühsam und schon bald gehen wir wieder getrennter Wege – nicht ahnend, dass wir uns im Verlauf der nächsten zwei Wochen noch oft begegnen werden.
Eine Viertelstunde und 150 Höhenmeter später stehe ich auf einem schönen Höhenzug, von dem aus der Blick zurück auf das Städtchen mit seiner roten Madonna und der Michaelskirche sowie über die grünen Hügel des Loiretals reicht. Von hier führt ein schmaler Saumpfad durch Getreidefelder mit Blick auf die Bergkette, die ich vermutlich in den nächsten Tagen durchqueren werde. Es ist so schön, dass ich vor lauter Schauen und Fotografieren gar nicht so richtig vorankomme. Auf den Wiesen und Feldern blühen der rote Mohn, blauer Natternkopf und viele andere bunte Blumen. Bald erreiche ich den Ort Coubon, wo es erst mal steil hinunter geht, nur um das Bächlein Loire zu überqueren und anschließend wieder steil nach oben zu steigen. Vom Tal der Loire geht es toujour bergauf. Anfangs ziemlich steil auf einer Teerstraße und später gemäßigter auf einem Hochplateau. Der Blick ist wahnsinnig schön. Rundherum sattgrüne Hügel und Felder. Mit einem letzten steilen Anstieg durch einen erfrischend kühlen Hohlweg ist mit dem Le Mont der höchste Punkt der heutigen Etappe auf knapp 950 Metern erreicht. Von hier ist es nicht mehr weit zur Unterkunft in Le-Monastier-sur-Gazeille, das man in der Ferne schon erkennen kann. Ich bin schon um 14:00 Uhr am Ziel und es fühlte sich an wie ein ausgeprägter Spaziergang.
Der Ort selbst wirkt abgewohnt und verlassen. Überall leere Schaufenster und geschlossene Geschäfte. Die einzigen Bars und Restaurants leben vermutlich nur von den Stevenson-Wanderern.
Die Unterkunft (La Modestine) ist winzig und sehr einfach. Das Haus scheint uralt zu sein. Der Besitzer renoviert es nach und nach. Es ist sehr eng, alles knirscht und knarzt und hängt schief in den Angeln. Aber ist sehr sauber. Ich bekomme ein winziges Kämmerchen mit einem tollen Blick über das ganze Tal. Außerdem bin ich die einzige Gästin heute. Es geht ein Platzregen herunter und ich komme mir vor wie Rapunzel im Turm mit Blick auf die Berge. Abends wird für mich exklusiv ein vegetarisches 4-Gänge-Menü der ersten Klasse kredenzt. Am nächsten Morgen ist niemand da. Das Frühstück ist hergerichtet und ich darf sogar ein Stück Tortilla vom Vorabend als Vesper mitnehmen. Diese Gastfreundschaft ist unschlagbar.
Die Tagesleistung entspricht der Beschreibung, mit 20 Kilometern, fast 1000 Hm rauf und 700 Hm runter und einer reinen Gehzeit von 4:30 Stunden.



Dienstag, 09.06.26 Le-Monastier-sur-Gazeille – Le-Bouchet-Saint-Nicolas
In Goudet ist heute die einzige Möglichkeit um einzukehren. Für mich ist es noch ein bisschen zu früh. Ich bin jetzt ca. 3 Stunden gelaufen. Die Flüsse liegen ziemlich tief im Tal, so dass man weit absteigen und anschließend wieder aufsteigen muss. Es geht wieder über die Loire und dann um die auf einem Felsen thronende Burg Bellavista herum. Der Weg ab Goudet ist so steil, dass man sehr schnell an Höhe gewinnt. Nur kurze Zeit stehe ich 300 Meter höher auf 1000 Metern und blicke zurück in das Loiretal und auf die unfassbar sattgrüne Hügellandschaft soweit das Auge reicht. Überhaupt geht es heute fast nur bergauf. Meistens aber sehr gemäßigt. Der Weg führt abwechselnd durch Getreidefelder, Wiesen und Wälder und winzige, hübsche Steindörfer. Ich mag diese stillen kleinen Dörfer in denen es scheint, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Die Häuser aus dunklem Basalt mit hellem Mörtel zusammengeklebt. Der Weg ist bestens ausgewiesen. Den Markierungen kann man vollends vertrauen. Irgendwann wird es Zeit für eine Pause. Aber es kommt weit und breit kein Bänklein. Zumindest keines, an dem nicht schon Franzosen sitzen und Picknick machen. Ich würde mich gerne zu ihnen gesellen. Sie sind alle sehr freundlich und suchen sofort das Gespräch. Aber wenn sie merken, dass man sie nicht versteht, kommt eine beklemmende Stille auf, die ich gerne vermeiden möchte. Also wandere ich weiter auf dem Feldweg, der so schön durch die Getreidefelder führt. Es ist warm, die Sonne scheint, die Insekten schwirren um die zahlreichen Blüten am Wegesrand. Irgendwann wird schon ein geeignetes Plätzchen kommen, wo ich meinen Füßen ein Päuschen gönnen kann.
Heute übernachte ich in einem dieser hübschen Dörfer aus alten Steinhäusern. Alles sehr überschaubar, gepflegt und charmant.
Im Gegensatz zur gestrigen Unterkunft ist die Gite Maisolys nagelneu. Auch heute bin ich wieder die einzige Gästin. Was für ein Luxus. Die Gastgeberin kocht mir ein vegetarisches Menü bestehend aus: Feldsalat mit Eiern und Tomaten, als Hauptgang Bratkartoffeln ohne irgendwas, ich glaube da ist nicht einmal eine Zwiebel drin, Käse als Magenschließer und als Nachspeise einen Apfelkuchen. Das alles gibt es mit reichlich Familienkontakt. Sie, ihr Ehemann und der 11-jährige Sohn leisten mir beim Essen Gesellschaft. Dank Google Translator gelingt eine kleine, aber dennoch mühsame Unterhaltung. Das Frühstück besteht aus Brot, Marmelade, Honig. Ein Croissant. Milch direkt aus der Flasche, Butter direkt aus der Packung. Alles einfach auf den Tisch gestellt. Etwas mehr Stil dürfte es schon sein, aber der Kaffee ist gut. Auch heute alles mit bröckeliger Unterhaltung.
Die Tagesleistung 24,3 Kilometern, wieder fast 1000 Hm rauf und 700 Hm runter und einer reinen Gehzeit von 6:00 Stunden.



Mittwoch, 10.06.26 Le-Bouchet-Saint-Nicolas – Pradelles
Heute geht es fast nur auf flachen Feldwegen durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet. Sehr schön sind die breiten Feldraine, voll mit Wildblumen in allen Farben und Formen. Es ist ein Paradies für Insekten. Man läuft den ganzen Tag auf einer Hügelkette auf einer Höhe zwischen 1000 und 1200 Metern und sieht rundherum nur grüne Hügelketten, die nirgendwo anfangen oder aufhören. Es ist erstaunlich, wie weitläufig und wenig besiedelt das Land ist. Keine Städte, nur hin und wieder ein winziges Dorf oder ein landwirtschaftliches Anwesen. Den ganzen Tag kommt kein Auto, kein E-Bike und kein Motorrad. Bei Arquejols gibt es ein Eisenbahnviadukt und von da an wird das Landschaftsrelief wieder etwas interessanter. Das heißt ab hier geht es wieder bergauf. Insgesamt 250 Höhenmeter auf 8 Kilometer verteilt. Pradelles wirkt auf den ersten Blick sehr heruntergekommen aber es gehört zu Frankreichs schönsten Dörfern. Man sollte sich daher vom 1. Eindruck nicht abschrecken lassen. Obschon der zweite Eindruck nicht viel besser ist. Ich habe schon schönere schönste Dörfer Frankreichs gesehen.
Das Gästehaus Les 4 Vents à Pradelles ist wieder ein uraltes Haus. Mein Zimmer unter dem Dach erreiche ich über ein enges knarziges Treppenhaus. Alles ist sauber und gemütlich, vom Bett habe ich einen tollen Blick über das Dorf. Das Abendessen ist wieder sehr familiär. Meine beiden Zimmernachbarinnen essen wegen mir heute vegetarisch, zusammen mit der Gastgeberin. Die Mädels können ein wenig englisch. Ansonsten wird viel Französisch gequatscht. Zum Essen gibt es Salat, Tortilla, Käse und Apfelkuchen. Hatte ich das nicht schon mal irgendwo?
Tagesleistung: 21,5 Km, in 4:45 Stunden Gehzeit und 426 Hm rauf, 483 Hm runter.



Donnerstag, 11.06.26 – Pradelles – Luc
In der Bäckerei in Pradelles decke ich mich mit einem halben Baguette und einem Croissant für 1,40 € ein. Zum ersten Mal seit Beginn der Wanderung quere ich mit Langogne einen Ort, der den Namen Städtchen verdient. Im Büchergeschäft frage ich nach dem berühmten Buch des Robert Stevenson in Englisch. Es überrascht mich nicht, dass es das nicht gibt. Die französische Version kostet gerade mal 6 €. Das erste Regal in der Apotheke gleich beim Eingang bietet Blasenpflaster an. Die Menschen scheinen zu wissen, was Wanderer brauchen. Weiter geht es nahe der Stadt erst mal auf Teerstraßen, die später in Feldwege wechseln. Die Landschaft hat sich ein wenig geändert. Statt der weiten Blicke über die Hügel führt die Wanderung nun durch Hochmoorgebiete mit viel Wald und bunten Wiesen. Ich kürze ab, nehme den GR700 direkt nach Luc und lasse damit eine Tagesetappe aus. Die Umgebung erinnert hier an den Schwarzwald. Es ist herrlich still. Nur die Vögel, der Wind und das Summen der Insekten sind zu hören. Bald schon ist die Burg von Luc in Sicht. Es folgt noch ein steiler Abstieg nach Luc und mein erster Gedanke ist mal wieder: haben die hier überhaupt Strom? Doch die Bedenken sind unbegründet. Meine Unterkunft ist heute ein kleines Zimmer in einem rustikalen Privathaus. Auch hier bin ich die einzige Gästin, aber zumindest lassen sie mir ein wenig Privatsphäre.
Wie bisher bei allen Unterkünften ist die Ausstattung sehr einfach, sehr spärlich aber immer sehr sauber. Hier wird auf Hygiene bezüglich der gefürchteten Bettwanzen geachtet. D. h. der Rucksack und der Koffer bleiben in einem Schuppen und man nimmt nur die wichtigsten Gegenstände ins Zimmer. Auch bei den Mahlzeiten gibt es inzwischen eine gewisse Routine. Abendessen um 7 Uhr. Zuerst ein bunter Salat, dann eine einfache warme Mahlzeit aus Gemüse – für die Gäste wird einheitlich und vegetarisch gekocht, als nächsten Gang etwas Käse und als Nachtisch Kuchen oder Obstsalat. Zum Frühstück um 7:00 oder 7:30 gibt es ein paar Stücke Weißbrot, etwas Butter, selbst gemachte Marmelade und Honig. Der Kaffee wird in riesigen Schalen serviert. Schwarz, keine Milch kein Zucker.
Die Tagesleistung mit schmerzendem kleinem Zeh: 21,5 km in 5 Stunden Gehzeit und 700 Hm rauf, 850 Hm runter.



Freitag, 12.06.26- Luc – La-Bastide-Puylaurent
Ich verlasse den verschlafenen Ort bei wolkenlosem Himmel und angenehmen Temperaturen. Mit mir setzt sich auch die Karawane in Bewegung. Aus jeder Gasse kommen Wanderer. Bonjour hier und Bonjour da. Ca va Christine, bien dormir Veronique? Man kennt sich inzwischen schon beim Namen. Später lerne ich Gerald kennen, der sehr gut Englisch spricht. Wir wandern ein Stück gemeinsam, bis der Weg uns wieder trennt. Meine Tagesetappe ist heute mit 15 Kilometern nicht sehr weit, so dass ich mich entscheide, dem bedeutenden Kloster Notre-Dame-des-Neiges einen Besuch abzustatten. Der Weg führt wie immer durch unbewohntes Gebiet und nach würzigen Pinien duftendem Wald. Das Kloster selbst kann nur von außen besichtigt werden, nicht einmal in die Kirche kommt man hinein. Es gibt zwar riesige Parkplätze aber keine Gastronomie. Und wie immer keine Bänke oder Rastplätze an denen man Pause machen könnte. Der Sinn des Umwegs zum Kloster erschließt sich mir nicht. Es sind nur noch 3 Kilometer bis zum Etappenziel, so dass ich trotzdem eine Pause mache und die Sonnenstrahlen genieße. Der Ort La Bastide ist keine Schönheit. Hier hat man Zeit. In der Unterkunft angekommen finde ich einen Zettel mit einer Aufschrift, die ich als „Wanderer sollen bitte erst nach 15:30 Uhr ankommen“ deute. Super, es ist gerade mal 14:00 Uhr. Also gehe ich Shoppen. Im Dorf wird die Hauptstraße geteert, so dass man sie nicht überqueren kann. Irgendwie finde ich einen Pfad zum einzigen kleinen Supermarkt. Aber auch hier hat man Zeit. Es ist niemand da. Für mindestens eine halbe Stunde bin ich völlig alleine im Laden. Macht ja nichts, ich habe ja auch Zeit.
Heute habe ich viel über die Franzosen gelernt. Freundlich sind sie nur, solange sie davon ausgehen, dass mein einer von ihnen ist. Mangels Sprachkenntnissen ist eine Unterhaltung nur mühsam möglich. Heute habe ich mich lange mit Gerald unterhalten. Er spricht Englisch, weil er früher viel in Asien gereist ist. Da musste er wohl zwangsläufig Englisch lernen. Er hat nicht damit gerechnet, dass Deutsche auch nett sein können, wie er mehrmals wiederholt. Das Abendessen wird heute zusammen mit 8 Franzosen und Französinnen am gemeinsamen Tisch eingenommen. Einer davon spricht fließend deutsch. Wir haben uns in den letzten Tagen schon mehrfach getroffen. Er ist sehr freundlich und führsorglich, was ich sehr zu schätzen weiß. Allerdings wird ihm von seiner Begleitung zweimal der Mund verboten. Ich frage mich, ob es wirklich an der Lautstärke liegt, oder ob es nicht vielleicht an der deutschen Sprache liegt. Ich finde das Verhalten anmaßend und es tut mir leid, dass mein Gesprächspartner so gemaßregelt wird. Die Gastwirtin nimmt die Getränke auf und ignoriert mich völlig. Ich würde gerne auf Französisch ein Glas Wein bestellen, aber sie nimmt keinerlei Blickkontakt mit mir auf. Als mein fürsorglicher Gesprächspartner mir ein Glas aus der Küche holt behauptet sie, ich würde kein Englisch (?) sprechen. Das scheint wohl ein Grund genug zu sein, mich nicht zu bedienen.
Meine heutige Tagesleistung: 15,6 Km in 4 Stunden Gehzeit, 560 Km rauf und wieder runter. Und wieder bewegte ich mich auf einer Höhe zwischen 900 und 1200 Höhenmetern.



Samstag, 13.06.2026 La-Bastide-Puylaurent – Chasseradès
Die heutige Strecke ist eigentlich nur ein Spaziergang, aber die Route ist wieder wunderschön. Zuerst geht es von Bastide 300 Höhenmeter durch schattigen Wald hinauf auf 1300 Meter. Da ich viel Zeit habe mache ich einen Abstecher auf den höchsten Punkt mit wunderschöner Vegetation und einem noch schöneren Rundumblick. In diesem Wandertempo bin ich wahrscheinlich schon um 10 Uhr am Ziel. Außerdem habe ich keine Lust im Konvoi zu laufen. Deshalb lege ich mich bei schönstem Sonnenschein und super Aussicht erstmal auf eine Wiese, höre Musik und lasse die Karawane an mir vorbeiziehen. Später schlendere ich über Sandwege durch Heidelandschaft und wunderbare duftige Blumenwiesen. Hier haben es die Insekten noch gut. Die Region ist die am dünnsten besiedelte in ganz Frankreich. Kaum ein Haus, nur Wiesen und Wälder soweit das Auge reicht. Ich kann mir Zeit lassen, die Natur und die Sonne zu genießen, denn Chasseradès hat – wie so oft – weder Supermarkt, noch Kaffee, noch Bäckerei noch sonst was. Da verbringe ich den Tag lieber zwischen den Schmetterlingen auf einer Wiese.
Die heutige Unterkunft ist nicht da, wo sie eingezeichnet wurde. Ich finde sie aber schließlich etwas außerhalb auf einem Campingplatz. Hier darf man erst nach 16:00 Uhr ankommen. Alle Wanderer die früher kommen werden auf einer Wiese zwischengeparkt und von einem schlecht gelaunten Campingplatzbetreiber angeschnauzt. Außer mir – ich werde wie immer ignoriert. Das kann auch mal was gutes sein. Es gelingt mir meinen Laptop aus dem Koffer zu holen und die Zeit sinnvoll zu nutzen. Später werden uns unsere Mobilhomes zugeteilt. Ich teile mir eins mit Veronique und Francois. Ich bekomme eine winzige Kabine für mich alleine, Dusche und Toilette nebenan teilen wir uns.
Gegen Abend läuft der Betreiber zur Bestform auf und macht den Unterhalter für alle ca. 20 Gäste. Wir essen alle zusammen in einem Gemeinschaftszelt. Salat und irgendein Auflauf mit Schinken und Nudeln. Für mich wird wieder Tortilla zubereitet und als Nachtisch gibt es Kuchen. Dazu eine Karaffe Weißwein für gerade mal 3 Euro. Wie immer quatschen alle wild durcheinander. Es ist laut und anstrengend, den Gesprächen zu folgen. Aber immerhin gelingt es mir schon, mich auf Französisch vorzustellen
Tagesleistung 16,5 Km in 3:45 h und 600 Höhenmetern hinauf und 450 Hm hinunter.



Sonntag, 14.06.2026 Chasseradès – Saint-Jean-du-Bleymard
Heute ging es nur durch Wald. Schöner Wald. Duftender Wald. Viel Wald. Erst auf den letzten 3 Kilometern wird die Sicht frei auf die Hügel der Sevennen und den Zielort Bleymard. Aber dennoch gab es heute – neben vielen schönen Blumen – drei wichtige Höhepunkte. Zum ersten gleich nach dem Start der Viaduct de Miradol, dann die Wasserscheide zwischen Atlantik und Mittelmeer auf 1400 Metern Höhe am Carrefour Guy Cubizolle und zuletzt die Quelle des Lot, mit 485 Km einer der längsten Flüsse Frankreichs. Es war ein wunderschöner, sonniger und entspannter Wandertag mit sehr angenehmen Temperaturen und vielen blumigen Highlights am Wegesrand.
In Le Bleymard gibt es tatsächlich mal eine kleine Bar in der man nach Ankunft Kaffee und Kuchen, ein Eis oder eine flüssige Erfrischung bekommen kann. Das freut jedes Wanderherz. Ansonsten gibt es noch einen Supermarkt – den ersten seit Tagen – der allerdings am heutigen Sonntag geschlossen hat. Im Dorf selbst ist es so trist wie in allen anderen Dörfern. Alles verriegelt und verrammelt. Das ganze Leben findet in der Dorfbar statt. Die Bäckerei hat zu und die anderen Cafès haben – wie es aussieht – schon seit langem geschlossen.
Ich muss mal wieder bis 16:30 warten, bis ich ins Zimmer und an meinen Koffer kann. Danach muss ich nochmal einen Kilometer zurück zur Bar laufen um mein Abendessen abzuholen und wieder zurück zur Unterkunft zu bringen. Die ist heute der reinste Luxus. Am Gebäude selbst hat sich mindestens ein Architekt ausgesponnen. Von außen sieht es aus wie ein modernes Hexenhaus mit vielen Winkeln und Kaminen. Das Zimmer ist riesig und das Bad in römischen Stil eingerichtet. Beim Essen habe ich meine Ruhe. Keine Familie, die mir auf den Teller guckt und keine 20 Tischnachbarn, die den Lärmpegel hoch halten. Was für ein Luxus, in Ruhe essen zu können.
Tagesstrecke: 22,6 km in 5:30 h mit 774 HM rauf und 875 Hm runter. Höchster Punkt heute 1400 Meter.



Montag, 15.06.2026 Saint-Jean-du-Bleymard – Le-Pont-de-Montvert
Der Tag war heute viel zu kurz und reicht gar nicht aus für all die schönen Erlebnisse, Eindrücke und Begegnungen. Die Etappe beginnt mit 300 Höhenmetern über sonnige Wiesen begleitet von Kuhglockenklang in einen Schatten spendenden Wald hinauf bis zur Skistation Mont Lozère. Auf den nächsten 300 Höhenmetern lasse ich die Baumgrenze hinter mir und durchwandere eine wunderschöne Heidelandschaft. Der Blick öffnet sich weit über das Land. Bald schon ist der Sommet de Finiels sichtbar und es sind nur noch wenige Höhenmeter über karge Vegetation hinauf auf den kahlen Gipfel. Mit 1700 Metern ist dieser Punkt der höchste auf dem gesamten Stevensonweg. Es pfeift ein ordentlicher Wind aber in den Steinburgen kann man völlig windgeschützt Pause machen. Der Rundumblick ist gewaltig. Nach einer ausgiebigen Pause an diesem besonderen Platz führt der Weg hinunter durch lichten Fichtenwald. Tief unten im Tal kommt Le-Pont-de-Montvert in Sicht. Aber es ist noch ein gutes Stück über duftende Heuwiesen steil hinab bis zu dem hübschen Ort mit seinen beiden Flüssen. Die Berge sind übersät mit riesigen Steinkugeln. Was könnte schöner sein, als eine so schöne Wanderetappe mit einer Erfrischung am Flussufer zu krönen? Hier in Le-Pont-de-Montvert ist das tatsächlich einmal möglich. Und während ich in einer Bar mein wohlverdientes Cola schlürfe, treiben Schäfer eine riesige Herde Schafe durch das Dorf. Die berühmte Transhumance. Eine Sehenswürdigkeit, die sogar die Einheimischen herauslockt. In wenigen Minuten ist das ganze Spektakel vorbei. Nun muss ich aber noch eine Stunde wandern und die 250 Höhenmeter zu meiner außerhalb gelegenen Unterkunft zu bewältigen. Zum Glück fährt mich ein Wanderkollege mit dem Auto hinauf zu der Farm, in der ich schon erwartet werde. Es ist ein wunderschönes, uraltes Steingebäude, total einsam gelegen, mit tollem Blick auf die dichten Wälder der Sevennen. Innen ist es liebevoll und rustikal eingerichtet und das Essen wird wieder gemeinschaftlich eingenommen und schmeckt hervorragend. Es ist so schön hier, dass man am liebsten hier Urlaub machen möchte.
Bisher die schönste Etappe, sehr abwechslungsreich, mit vielen Eindrücken. Le-Pont-de-Montvert ist der bisher reizvollste Ort, mit Cafés und Bars direkt am Fluss. Im Fluss gibt es viele kleine Wasserfälle und Gumpen zum Baden.
22 km in 5,5 Stunden, 840 Km hinauf, 1060 km hinab und der höchste Punkt der Strecke mit 1700 Metern der Sommet de Finiels.



Dienstag, 16.06.2026 Le-Pont-de-Montvert – Florac
Heute steht die gefürchtete Königsetappe mit 30 Kilometern an. Das Frühstück ist um 8:15 angesetzt. Das ist für die lange Tagesetappe zu spät. Also bekomme ich, ein Tablett vorbereitet und darf mich am Morgen selbst aus dem Kühlschrank bedienen. Die 3 Kilometer und 250 Höhenmeter Abstieg ins Dorf muss ich zusätzlich kalkulieren, da es das versprochene Taxi nicht gibt. Wenigstens musste ich sie gestern Abend nicht hochsteigen. Nach einer halben Stunde treffe ich im Dorf schon auf die anderen Wanderer. Aber insgesamt scheinen es heute etwas weniger Kollegen zu sein. Die Tour beginnt gleich mit einem steilen Anstieg über 300 Höhenmeter auf einem schön gepflasterten Saumpfad. Und tatsächlich warten hier zwei Esel schon auf ihre Streicheleinheiten. Oben angekommen wandere ich kurz durch schöne Heidelandschaft bevor die Höhe wieder verloren geht und der nächste Anstieg mit 400 Höhenmetern ansteht. Und der hat es in sich. Es ist sehr steil, geradewegs über die Höhenlinien hinauf bis zum Signal du Bougès auf 1421 Metern und damit dem höchsten Punkt der Tagesetappe. Die Aussicht ist super. Aber der Aufstieg geht in die Beine. Da hat man dann schon 12 Kilometer und 1000 Höhenmeter auf den Sohlen, dann kommt auf dem Gipfel ein Schild, dass es bis zum Ziel nur noch 19 Kilometer sind. Na dann… Natürlich ist auch der Abstieg in diesem Gelände keine Erholung. Ein schmaler, schottriger Wanderweg, bei dem man sich mit jedem Schritt konzentrieren muss. Aber er führt durch wunderschöne alpine Heidelandschaft, die gerade lila blüht. Dazu ein Blick über die verkarstete und einsame Landschaft der Sevennen. Auf einer Höhe von etwa 1000 Metern ist das schlimmste vorbei und die Wanderung führt weiter auf einem breiten Sandweg auf dem man etwas Zeit gut machen kann. Anfangs hat man nach rechts noch eine tolle Aussicht doch schon bald ist die Waldgrenze unterschritten und dann fängt es an langweilig zu werden. Die Straße zieht sich ziemlich uninteressant durch den Wald der nicht mal besonders viel Schatten wirft. Am Abzweig Bédouès hat man die Wahl für 4 Kilometer oder 9 Kilometer nach Florac. Na für welchen man sich hier wohl entscheidet? Ich nehme den kürzeren. Der ist ziemlich steil und der Weg sehr ausgewaschen, wurzelig, geröllig und mit müden Beinen äußerst unangenehm zu gehen. Zudem ist es Westseite, die Sonne knallt und es ist ganz schön warm hier. Irgendwann ist die Tortur dann geschafft. Alle Wanderer fallen gleich mal in den ersten Supermarkt ein und gönnen sich ein kühles Getränk. Jetzt gilt es nur noch die letzten 1,5 Kilometer auf Teerstraße durch die brütend heißen Gassen bis zum Hotel Le Pont Neuf zurückzulegen und dort die heißen Fußsohlen abzukühlen und zu belohnen.
In Florac habe ich mich für 2 Nächte einquartiert und ich freue mich auf den Ruhetag morgen. Allerdings bin ich auch ein wenig traurig, da ich nun meine Wanderkameraden nicht mehr wiedersehen werde, die mir ab morgen einen Tag voraus wandern werden. Es ist schön alleine zu wandern, aber die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen sind eine kostbare Bereicherung.
Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die Unterkünfte sind. Manche geben sich richtig viel Mühe, andere sind wirklich sehr, sehr einfach in Ausstattung und Service. Das Le-Pont-Neuf in Florac gibt sich nicht sonderlich viel Mühe, seinen Gästen einen schönen Aufenthalt zu gewähren. Es ist zwar alles da was man braucht, aber auch kein bisschen mehr. Ich bekomme ein Zimmer ohne Balkon genau über dem Haupteingang zum Kreisverkehr hinaus. Der ganze Lieferverkehr für das Hotel hält genau unter meinem Fenster. Der Motor läuft, die Türen knallen. Das Personal geht zum Rauchen vor die Tür und der Qualm zieht zu mir hoch. Am Nachmittag ist das Fenster so heiß, dass man es nicht anfassen kann. Der dicke Vorhang muss geschlossen bleiben, damit das Zimmer nicht zu kochen beginnt. Es ist düster und stickig. Wegen dem Verkehr und dem Qualm kann man das Fenster auch nachts nicht öffnen. Die Klimaanlage hat vergessen, für was sie einst geschaffen wurde. Möglicherweise hätte es auch ein Zimmer auf der Garten- und Flussseite gegeben, aber für die Deutsche wird’s schon reichen. Das Personal am Empfang spricht kein Wort Englisch. Zum Abendessen bekomme ich wieder ein einfallsloses Rührei am Stück mit einen undefinierbaren Brei der Fäden zieht. Frühstück gibt es zwischen 7 und 10 Uhr. Wenn man um 8:30 zum Frühstück kommt, ist schon alles leer und es wird nicht nachgefüllt. Wobei „alles“ übertrieben ist. Ich kratze den restlichen Joghurt aus der Schüssel und die restliche Marmelade an einem klebrigen Löffel direkt aus dem Glas. Der Kaffee aus der Maschine ist eine Instant-Zucker-Pampe. Die Brocken Käse sind lieblos mit einer Serviette abgedeckt. Das soll wohl die Myriaden von Stubenfliegen abhalten. Also Leute, das geht doch besser, oder??? Das Preis-Leistungsverhältnis der Unterkünfte am Stevensonweg hat definitiv Potential nach oben!
Tagesstrecke: 30,26 km in 7,5 Stunden Gehzeit, 1300 Höhenmeter hoch und 1900 hinab. Trackzeit gesamt 9:15 h. Höchster Punkt 1400 Meter.



Mittwoch, 17.06.2026 Ruhetag in Florac
Florac ist ein beschauliches Örtchen ohne großen Touristenrummel. Es liegt an 3 Flüssen, die eigentlich noch Bäche sind, hat ein paar alte Häuser, eine Kirche und zwei kleine Plätze, wo man gemütlich sitzen und Kaffee trinken kann. Es gibt ein paar kleine Läden zum Stöbern und winzige Épicerien, wo man sich mit Obst und Kleinigkeiten für die nächsten Wandertage eindecken kann. Der Ort ist schnell erkundet und dennoch kann man hier eine Weile herumschlendern. Nach dem Mittagessen suche ich mir ein Plätzchen am Strand des Tarnon, wo man sich in die kühle Strömung legen und anschließend unter Büschen im Schatten trocknen kann. Den wohlverdienten Ruhetag lasse ich mit einem Cidre an einer Bar ausklingen.



Donnerstag, 18.06.2026 Florac – Cassagnas
Es fällt mir nicht schwer, das Hotel in Florac zu verlassen. Die Pause tat gut, aber es ist auch gut, wieder zu wandern. Auf dieser Höhe zwischen 600 und 800 Metern Meereshöhe ist es deutlich wärmer. Der Weg führt durch schattigen Wald, aber im Lauf des Tages kann das auch ziemlich langweilig werden. Die ganze Strecke wird begleitet vom klaren Flüsschen La Mimente, doch leider gibt es nirgendwo eine Möglichkeit zum Wasser zu gelangen. Eine steil abfallende Halde verhindert das konsequent. Ab Saint Julien D‘Arpaon verläuft der Weg auf einer ehemaligen Bahnstrecke durch eine schmale Schlucht und einige kleine Tunnel. Die Wanderung führt immer sanft bergauf bis zum ehemaligen Bahnhof von Cassagnas, wo sich nun ein Zeltplatz mit Einkehrmöglichkeit befindet. Das kleine Restaurant beim Campingplatz kommt sehr recht für die Mittagspause bevor noch die 150 quälenden Höhenmeter in der prallen Sonne hinauf in das Dorf bewältigt werden müssen. Die Unterkunft macht erst um 16:00 Uhr auf. Aber bis dahin kann man sich im kleinen Garten unter einem schattigen Walnussbaum in einem Liegestuhl ausruhen, denn es muss ja auch noch Zeit sein, einfach nur da zu sitzen und zu schauen.
Auf der gesamten Strecke des Stevensonwegs gibt es kaum eine Möglichkeit, sich zur Rast hinzusetzen. Rastplätze, Picknicktische oder Bänklein sind sehr selten. Und wenn, dann sind sie schon besetzt. Man hat also die Wahl, die gesamte Strecke am Stück durchzulaufen, im Stehen Pause zu machen, oder sich direkt auf den Boden zu setzen. Viele Wanderer sitzen mangels Alternativen mitten auf dem Weg oder am Wegrand. Zum einen ist das ziemlich unbequem, weil man die Beine nicht richtig entspannen kann, zum anderen sitzt man mitten im Staub oder im hohen Gras. Nicht nur die Hose wird schmutzig, sondern auch die Hände beim Hinsetzen und Aufstehen. Außerdem kann man nirgendwo etwas sauber ablegen. Brotzeit, Getränk, einfach alles, was man in der Pause so braucht, muss man irgendwo im Dreck abstellen. Zu allem Überfluss wird man auch noch von Ameisen und Zecken geplagt. Ein paar mehr Picknickplätze auf dem Weg währen wirklich sehr hilfreich.
Tagesetappe heute: 20,7 km in 4:45 Stunden, 1040 Höhenmeter rauf und 800 runter.



Freitag, 19.06.2026 Cassagnas – St.-Germain-de-Calberte
Am Ende einer Etappe bin ich immer froh angekommen zu sein, aber am nächsten Morgen bin ich genauso froh, die Unterkunft wieder zu verlassen und weiter zu wandern. Die Unterkunft gestern habe ich mir mit einem Ehepaar geteilt. Hier wurde wieder sehr auf Wanzenhygiene Wert gelegt. Der Rucksack und das Gepäck wurden mit Insektenschutzmittel desinfiziert und blieben in einem eigenen Raum. Nur das notwendigste durfte mit ins Zimmer. Dieses war wie üblich sehr einfach. Zum Abendessen saßen wir wieder alle zusammen im Esszimmer der Gastgeber. Für mich wurde extra Omelette gekocht. Das wievielte war das jetzt in dieser Woche? Inzwischen verstehe ich schon recht gut, über was sich beim Essen unterhalten wird. Aber dennoch ist es ziemlich anstrengend, den Gesprächen zu folgen und sich daran zu beteiligen. Zum Frühstück gab es wie üblich Brot, Marmelade, Croissant und Joghurt. Alles selbst gemacht und sehr lecker. Der Gastgeber erklärt uns noch ausführlich, wie man die Strecke um 4 Kilometer abkürzen und direkt über den Berg gehen könnte und er ist sehr enttäuscht, dass ich dennoch auf dem original Stevensonweg bleiben werde. Er sieht nicht so aus, als ob er viel wandern würde, daher traue ich seiner Beschreibung nicht. Außerdem bin ich ja zum Wandern hier und nicht zum Abkürzen und ich möchte auch nicht irgendwo im Wald verloren gehen. Ich muss heute noch die Bettwäsche abziehen und bin froh, den Rucksack zu schnallen und die Schuhe zu binden und mich wieder auf die Sohlen zu machen.
Zuerst geht es durch eine Schafherde zum alten Bahnhof und von dort erst mal einige hundert Höhenmeter durch den Wald wieder hinauf. Dabei werde ich von einer französischen Wandergruppe angetrieben. Sie sind wirklich zäh, diese Franzosen. Trotz zügigen Schrittes kann ich ihnen nicht davonlaufen und hoffe, dass sie bald eine Pause machen. Jeder Vorsprung, den ich mir erarbeite geht verloren, wenn ich nur kurz die Route prüfe oder für ein Foto anhalte. Dann heißt es wieder weiter rennen. An einem Mahnmal für den Camisardenkrieg teilt sich unser Weg, ich treffe sie erst kurz vor dem Ziel wieder, wo sie – mangels Sitzgelegenheiten – auf dem Weg liegen und schlafen. Ich schleiche mich auf Zehenspitzen an ihnen vorbei.
Die ganze Strecke verläuft heute durch dichten Wald. Der Schatten ist sehr angenehm aber ohne Sicht ist das auch ziemlich langweilig. Nur einmal, bei einer prähistorischen Skulptur tut sich der Wald auf und eröffnet einen wunderschönen Blick. Mit etwas Fantasie könnte man sogar meinen, am Ende das Meer zu sehen. Und wieder bin ich erstaunt, wie weit das unbesiedelte Land reicht. Nur Berge und Wald soweit das Auge reicht. Sonst nichts. Kein Auto, kein Motorengeräusch, kein Fahrrad, nichts. Den ganzen Tag nicht. Ab hier geht es wieder bergab. Diesmal durch dichten Kastanienwald, der von den Wildschweinen komplett umgegraben wurde.
Als ich in St.-Germain-de-Calberte einlaufe, bin ich sofort verliebt in das Dorf. Irgendwie ist es nichts Besonderes, aber dass es gleich zu Beginn eine hübsche Bar gibt, bei der man Kaffee oder eine andere Erfrischung bekommt, auf einem bequemen Stuhl, mit einem sauberen Tisch, das macht das Dorf doch gleich sehr sympathisch. Und ich bin nicht die einzige, die die Gelegenheit nutzt. Kaum ein Wanderer geht hier einfach nur vorbei – nur die Wandergruppe von heute Morgen darf hier nicht anhalten. Überhaupt sind seit meinem Zwischenstopp in Florac viel weniger Wanderer auf der Strecke. Die meiste Zeit laufe ich ganz alleine. Die alte Karawane ist mir einen Tag voraus und das ist mir ganz recht. Das ewige Gebrabbel fehlt mir in keinster Weise. Ich genieße die Stille. Da ich heute in der Pension kein Abendessen habe, reserviere ich in der kleinen Bar La Poulpe gleich mal einen Platz für heute Abend.
Das Chéz Gatou ist ein 400 Jahre altes Haus mitten im Dorf. Meine Gastgeberin ist sehr nett. Ich muss nicht bis 16:00 Uhr warten, sondern darf gleich in mein uriges Zimmer einziehen, in dem sogar Robert Louis Stevenson seinerzeit höchstpersönlich geschlafen haben soll!!! Ich fühle mich sehr geehrt und sehr wohl in diesem Haus. Zum gemeinsamen Frühstück mit 2 französischen Pärchen gibt es mindestens 8 verschiedene Sorten Honig und genauso viele Marmeladen. Alles selbst gemacht versteht sich.
Die Tagesetappe belief sich heute auf 20 km in 4:30 Stunden mit 570 Höhenmetern bergauf und 900 Höhenmetern bergab. Ich befinde mich jetzt auf einer Höhe von ca. 500 Metern Meeresniveau.


Samstag, 20.06.2026 St.-Germain-de-Calberte – St.-Jean-du Gard
Zuerst geht es wieder durch schattigen Kastanienwald mit immer wieder schönen Blicken zurück auf das Dorf, das am grünen Hang am Berg klebt. Rundherum nur Bäume. Nach ein paar Kilometern kommt das Dorf St. Etienne-Vallee-Francais und im Vallée Francaise gibt es einen herrlich erfrischenden Bach in dem ich eine ausgiebige Pause zur Abkühlung mache. Es ist so herrlich, dass ich einen kleinen Moment darüber nachdenke ob man sich in diesem Bach nicht einfach bis Alès treiben lassen könnte. Es steht mir nun nämlich ein knackiger Aufstieg bevor. Es sind zwar nur 450 Höhenmeter, aber es zieht sich. Bei 34 Grad wird der Aufstieg in der prallen Sonne zur Qual. Ein nasses Tuch im Nacken sorgt für etwas Abkühlung, aber ich muss mit dem Wasser haushalten. Irgendwann erreiche ich oben ein Bushäuschen für eine kleine Rast, aber der Aufstieg ist noch nicht ganz geschafft. Nun geht es einen ruppigen Höhenweg entlang mit immer wieder schönen Ausblicken bevor es schließlich an den langen Abstieg nach St.-Jean-du-Gard geht. Hier ist es wie tot. Alle Läden und Restaurants sind geschlossen. Das Hotel ist wie immer sehr einfach. Der Rezeptionist spricht nur Französisch und weißt mir mein schmuckloses Zimmer mit 3 Betten zu. Im Laden unter dem Hotel besorge ich zwei Flaschen Zitronenlimonade mit der ich mich gierig abfülle. Ich bin nur noch froh, im Kühlen zu sein und die tapferen Füße zu loben.
Es war eine lange, anstrengende Etappe. Die meisten Wanderer beenden den Stevensonweg hier. Die nächste Etappe bis Alès gilt als die anspruchsvollste und wurde erst 2022 an den Stevensonweg angehängt.
Tagesetappe: 23 Km, 5:50 h, 1090 Hm rauf, 1390 Hm runter und 34 Grad im Schatten.
Sonntag, 21.06.2026 St.-Jean-du Gard – Alès
Stevenson hat seinerzeit in St.-Jean-du-Gard seinen Esel verkauft und ist mit der Pferdekutsche nach Alès gefahren. Leider fahren am Sonntag keine Pferdekutschen, so dass ich die letzte Strecke nach Alès zu Fuß gehe. Die gestrige Etappe war hart, aber heute wird es noch härter. Es sind Temperaturen von 34 oder mehr Grad angesagt. Ich werfe alles unnötige Gewicht aus dem Rucksack, – z. B. die Regenjacke, und fülle sämtliche verfügbare Flaschen auf. Insgesamt trage ich mehr als 4 Liter Wasser und ein paar Snacks. Außerdem versuche ich früh weg zu kommen um den Aufstieg noch vor der größten Hitze des Tages zu schaffen. Bis Mialet ist es ein netter Weg, auch der Ort selbst ist wieder ein hübsches kleines Dorf mit einer Bogenbrücke und alten Steinhäusern. An der Vegetation kann man schon deutlich die mediterrane Nähe erkennen. Feigenbäume, Oleander, Wunderblumen. Danach kommt der Anstieg. Heute treffe ich auf keine Wanderer mehr. Nur eine Frau mit einem sichtlich schweren Rucksack frägt mich schon nach 100 Metern Aufstieg, wie weit es denn noch bis Alès wäre. Wenn ich zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, was noch kommt, hätte ich ihr gleich geraten umzukehren. Die 450 Höhenmeter sind eigentlich gar nicht so das Problem, aber sie ziehen sich auf einem eintönigen, völlig schattenlosen Fahrweg hoch. Nach 250 Höhenmetern kommt ein Abzweig, der in einen Steineichenwald über ruppiges Gelände führt. Der Aufstieg will kein Ende nehmen. Wenigstens ist es hier schattiger. Immer wieder kommen kleine Steigungen, die an den Kräften zehren. Der Wald öffnet sich ein wenig und in der Ferne kann ich den Mont Lozeire sehen. Irgendwann ist der höchste Punkt erreicht und Alés liegt mir zu Füßen. Aber auch ab hier gibt es quasi keinen Meter, auf dem man entspannt laufen könnte. Fast die ganze Etappe verläuft über Wege mit viel Geröll entweder steil bergauf oder steil bergab. Jeder Schritt erfordert volle Aufmerksamkeit. Auch beim Abstieg bleiben mir weitere kurze Anstiege nicht erspart. An einigen kurzen Etappen ist es so steil, dass man die Hände zur Hilfe nehmen muss. Das kostet zusätzlich Kraft. Zudem ist es inzwischen sehr heiß geworden. Schließlich ist es geschafft, und ich laufe in Alès ein. Der Stevensonweg hat mir heute auf der letzten Etappe einiges abverlangt.
In der Nähe des Bahnhofs habe ich mein Quartier gebucht. Mit einem Code kann ich die Tür öffnen. Es ist niemand da. Ich finde meinen Schlüssel, meinen Koffer und mein kleines, schmuckloses, sehr einfaches Zimmer. Es ist echt erstaunlich, was man hier in Frankreich alles Hotel nennen darf. Die Nacht kostet 80 Euro ohne Frühstück. Für ein Zimmer, mit einem Bett, einer Dusche mit altertümlichen Duschvorhang, der nur die halbe Dusche abdeckt und einer einzigen Steckdose. Lädt man sein Handy, muss man den Ventilator ausstecken. Obwohl ich eigentlich keinen Meter mehr laufen kann, erkunde ich noch den Bahnhof und die Möglichkeit für morgen Verpflegung zu besorgen. Alès selbst ist keine schöne Stadt. Am Bahnhof gibt es die üblichen Klitschen aber keinen Laden. Schließlich finde ich einen Carfour bei dem ich mich mit Snacks für morgen eindecke und ein Restaurant zum Abendessen.
Tagesleistung: 24,3 km, 6:40 h, 1073 Hm hoch, 1144 Hm runter

Robert Louis Stevenson (1850–1894) zählt zu den bedeutendsten schottischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Weltberühmt wurde er durch Romane wie Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Weniger bekannt, aber für Wanderfreunde von besonderer Bedeutung, ist seine Reise durch die Cevennen im Süden Frankreichs.
Im September 1878 wanderte Stevenson gemeinsam mit der Eselin Modestine rund 220 Kilometer von Le Monastier-sur-Gazeille nach Saint-Jean-du-Gard. Die zwölf Tage dauernde Tour entstand aus dem Wunsch nach Ruhe, persönlicher Neuorientierung und dem Interesse an der Landschaft und Geschichte der Cevennen. Seine Erlebnisse hielt er im Reisebericht Reise mit einer Eselin durch die Cevennen (Travels with a Donkey in the Cévennes, 1879) fest. Das Buch gilt als einer der frühen Klassiker der Reiseliteratur und machte die Region weit über Frankreich hinaus bekannt.
Aus dieser historischen Wanderung entwickelte sich viele Jahrzehnte später der heutige Stevensonweg (GR70). Zwar erinnerte man sich schon früh an Stevensons Reise, doch erst rund hundert Jahre später wurde seine Route systematisch rekonstruiert und als Fernwanderweg markiert. 1993 nahm der französische Wanderverband den Weg als GR70 (Grande Randonnée) in das nationale Fernwanderwegenetz auf und verlängerte ihn von Stevensons ursprünglichem Start- und Zielpunkt bis Le Puy-en-Velay im Norden und Alès im Süden. Dadurch entstand ein etwa 270 Kilometer langer Fernwanderweg, der heute zu den bekanntesten und beliebtesten Wanderstrecken Frankreichs zählt. Er führt durch die Vulkanlandschaften der Haute-Loire, über den Mont Lozère und durch den Nationalpark der Cevennen – auf den Spuren des berühmten Schriftstellers und seiner treuen Begleiterin Modestine.